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Überlebende des Völkermords

«Meine Gedanken wurden von dem Hass geheilt»

Am 6. April 1994 veränderte sich das Leben von Immaculée Ilibagiza für immer: Nach der Ermordung des Präsidenten Ruandas begann im Land ein monatelanges Massaker. Etwa eine Millionen Menschen fanden den Tod. Ilibagiza überlebte den Völkermord – ihre Familie nicht. Im Interview spricht die Ruanderin darüber, warum sie vergeben konnte.

Immaculée Ilibagiza
Quelle: Youtube

Frau Ilibagiza, Sie gehören zur Volksgruppe der Tutsi. Wann haben Sie begriffen, dass dies Ihr Todesurteil bedeuten könnte?
Immaculée Ilibagiza:
Alles hat mit Propaganda angefangen. Im Radio wurde jahrelang Hass gegen uns Tutsi geschürt. Als dann 1994 das Flugzeug des Präsidenten abgeschossen wurde, hat mein Bruder mich direkt geweckt. Mir war klar: Die Hutu, also Menschen der Volksgruppe, zu der auch der Präsident gehörte, würden kommen und uns alle umbringen. Und so war es dann auch. Noch in dieser Nacht ging das Morden los. Das Militär und ein Grossteil der Hutu haben ganz systematisch Familie für Familie der Tutsi ausgerottet.

Ihre gesamte Familie in Ruanda wurde ermordet – Ihre Eltern, zwei Brüder, Cousins, die Grosseltern. Wie haben Sie überlebt?
Ich habe mich versteckt. Ein evangelischer Hutu-Pastor in unserer Nachbarschaft hat mich und sieben andere Frauen in eine kleine Toilette gepfercht. Der Raum war sehr eng, nur etwa eine mal 1,20 Meter gross. Wir sassen buchstäblich übereinander – mehr als drei Monate lang! Wir haben nicht gewusst, was draussen passiert, und wir durften nicht sprechen. Seinen Kindern hat der Pastor erzählt, er hätte die Schlüssel für das Klo verloren.

Hatten Sie Angst?
Die erste Woche war richtig schrecklich. Ich hatte überall Schmerzen. Und ich war so wütend, dass ich dachte, die Wut würde mich umbringen. Mein Herz hat laut gepocht und ich habe gezittert und geschwitzt. Es war wirklich schlimm. Am liebsten wollte ich Granaten über dem Land abwerfen und alle töten, die uns das angetan haben.

Wie hat Ihnen der Glaube an Gott in dieser Zeit geholfen?
Die Hutu haben damals angefangen, die Häuser zu durchsuchen. Da ist die Wut irgendwann in Angst umgeschlagen. Als sie das erste Mal zu uns kamen, dachte ich: Jetzt ist mein Leben vorbei. Und weil ich katholisch aufgewachsen und erzogen worden bin, habe ich mich gefragt, wie der Tod sein würde. Wie würde sich das anfühlen, wenn meine Seele aus dem Körper geht? Würde ich Jesus sehen? Würde ich meine Familie sehen? Ich habe dann einfach angefangen zu beten. Ich habe Gott gesagt: «Wenn es dich wirklich gibt – wenn du mich hören kannst –, dann gib mir ein Zeichen; dann mach, dass diese Mörder die Toilettentür zumindest heute nicht öffnen.»

Und? Hat es funktioniert?
Ja! Der Pastor, der uns versteckt hatte, beschrieb uns hinterher, dass das ganze Haus durchsucht wurde, sogar im Speicher und auf dem Dach waren die Männer. Aber kurz bevor sie die Toilette öffnen wollten, sind sie gegangen. Einfach so. Als der Pastor das erzählte, bin ich total erschrocken. Nicht, weil wir fast gestorben wären, sondern weil ich jetzt wusste, dass es Gott wirklich gibt.

Wann haben Sie sich entschieden, den Mördern zu vergeben?
Das hat ein bisschen gedauert. Ich habe in diesem Badezimmer viel in der Bibel gelesen. Aber da kamen so Passagen wie «Bete für deine Feinde», «Liebe, die dich hassen» und «Du sollst sieben mal siebzigmal vergeben». Ich wusste, das kann ich nicht. Also habe ich die Bibel schnell wieder zugeschlagen. Ich hatte ausserdem einen Rosenkranz von meinem Vater dabei, den habe ich dann gebetet. Aber auch da gab es Probleme: Beim Rosenkranz betet man innerhalb von 25 Minuten sechsmal das Vaterunser. Und da gibt es diesen schwierigen Teil: «Vergib uns unsere Schuld...»

... wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Genau! Und das konnte ich nicht aussprechen. Also habe ich diesen Teil des Gebets einfach übersprungen. Ich wollte Gott nicht anlügen. Ich habe mich dann auch gleich viel besser gefühlt. Aber eines Tages ist mir der Gedanke gekommen – ich hatte dort wirklich viel Zeit zum Denken –, dass das Vaterunser nicht von einem Menschen geschrieben wurde, sondern von Jesus selbst. Da kann man das ja nicht einfach abändern. Also habe ich wieder das Original gebetet, aber bei der entscheidenden Stelle habe ich Gott immer gesagt: «Ich meine das noch nicht ernst. Ich kann noch nicht vergeben. Aber ich will. Hilf mir!»

Sie würden also sagen, dass Vergebung für Sie ein schwieriger Prozess war?
Ich habe in dieser Zeit immer wieder Bibel gelesen. Ich habe von Jesus gelesen, der am Kreuz hängt. Ich habe darüber nachgedacht, wie schmerzhaft das sein muss – er hatte Nägel im Körper! Und als ich dann weitergelesen habe, kam etwas, das mein Herz zerbrochen hat. Die letzten Worte von Jesus waren: «Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun.» Vor allem der zweite Teil hat mich getroffen. Es war genauso wie bei uns im Land. Die Mörder haben nicht verstanden, was für Konsequenzen ihre Taten für die Familien und für das Land haben. Damals habe ich beschlossen, wie Jesus den Tätern zu vergeben. Ich hatte das Gefühl, dass mir ein grosser Felsbrocken von den Schultern genommen wurde. Meine Gedanken wurden von dem Hass geheilt und ich konnte allmählich meine Wut loslassen.

Konnten die Frauen, mit denen Sie eingesperrt waren, Ihre Entscheidung zur Vergebung nachvollziehen?
Die haben davon gar nichts mitbekommen. Wir durften in der Toilette ja nicht reden, wir kannten nicht mal unsere Namen. Erst nach der Veröffentlichung meines Buches 2006 hat eine amerikanische Talkshow die Frauen gesucht und uns alle wieder in dieses Bad gebracht. Die meisten Frauen konnten mich nicht wirklich verstehen. Und eine von ihnen war sehr wütend, als sie meine Geschichte hörte. Sie fragte mich immer wieder: «Hast du vergessen, was sie uns angetan haben? Wie kannst du diesen Mördern vergeben?»

Was haben Sie geantwortet?
Wissen Sie, wir haben manchmal ein seltsames Verständnis von Vergebung. Wir denken, Vergebung bedeutet zu sagen: «Was die gemacht haben, war okay.» Aber das ist Quatsch! Vergebung war etwas, das ich für mich gemacht habe. Es war, wie aus einem Gefängnis rauszukommen und endlich frei zu werden. Und obwohl ich vergeben hatte, fand ich es ja trotzdem gut, dass die Mörder im Gefängnis waren. Das Töten und der Wahnsinn mussten aufhören. Und das Gefängnis war für diese Menschen eine Chance, sich zu verändern.

Was ist passiert, als Sie Ihr eigenes Gefängnis – das Klo – nach fast 100 Tagen endlich verlassen konnten?
Als wir die Toilette verlassen durften, war ich ein Skelett. Ich habe etwa 30 Kilo gewogen. Ich bin direkt zu einem Flüchtlingscamp, weil ich gehofft habe, dass jemand aus meiner Familie überlebt hat. Aber alle waren tot. Alle. Überall lagen Leichen. Es war schrecklich. Ich habe so sehr geweint. Ich habe sogar meinen Rosenkranz weggeworfen, weil ich den Trost nicht spüren wollte, den ich in der Toilette beim Beten immer empfunden hatte.

Hätten Sie Ihre Entscheidung zur Vergebung in diesem Moment gerne rückgängig gemacht?
Niemals. Als ich aus der Toilette raus bin, sagten mir richtig viele Leute: «Was du erlebst hast, war nicht echt, du hast dem Mörder deiner Familie nicht wirklich vergeben.» Sie meinten, das war nur eine Strategie, um zu überleben. Und da bekam ich Angst. Ich dachte, vielleicht bin ich ja wirklich traumatisiert, vielleicht haben die Leute recht und das alles war bloss Einbildung. Aber ich wollte ehrlich wissen, woran ich bin. Also besuchte ich den Mörder meiner Familie im Gefängnis. Als ich ihn gesehen habe, war mir sofort klar: Die Vergebung war echt. Ich fing an zu weinen, weil ich so viel Mitleid spürte. Der Mann sah schrecklich aus. Er war monatelang nicht rasiert, hatte Essensreste im Bart und abgerissene Kleidung. Er stank. Und ich musste wieder an den Satz denken: «Denn sie wissen nicht, was sie tun.»

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