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Unwahrscheinlich aktuell

John Wesley und sein «Manifesto»

Von prominenten Christen der vergangenen Jahrhunderte ist selten viel mehr bekannt als ihr Name. Zu sehr erscheint das, was sie sagten, heute als «aus der Zeit gefallen». John Wesley, Mitbegründer der Methodistenkirche, macht da keine Ausnahme. Doch sein «Manifesto» liest sich so frisch und gültig als wäre es gestern geschrieben worden.

John Wesley (1703-91)
Quelle: Wikipedia

Auf Englisch kursieren die zwölf kurzen Gedanken des bekannten Predigers seit einer Weile im Internet. Sie sind nicht nur auf der Homepage der Methodistenkirche abrufbar, sondern befinden sich auch an der Wand der ältesten Methodistenkirche der Welt in Bristol. Sie lauten kurz und knapp:

1. Verringere die Kluft zwischen Reichen und Armen.
2. Verhilf jedem zu einer Arbeit.
3. Hilf den Ärmsten – auch dabei, einen Lohn zu erhalten, von dem sie leben können.
4. Biete die bestmögliche Bildung an.
5. Vermittle jedem das Gefühl, einen Unterschied machen zu können.
6. Fördere Toleranz.
7. Fördere die Gleichbehandlung von Frauen.
8. Schaffe eine Gesellschaft, die auf Werten basiert, nicht auf Gewinn und Konsum.
9. Beende alle Formen von Sklaverei.
10. Vermeide kriegerische Auseinandersetzungen.
11. Erzähle allen von der Liebe Gottes.
12. Kümmere dich um die Umwelt.

Typisch methodisch

Dass man John Wesley (1703–1791) und seine Bewegung «Methodisten» nannte, war nicht als Kompliment gedacht. Das fünfzehnte von neunzehn Kindern seiner Eltern war so etwas wie ein Pedant – strukturiert könnte man es wohlwollend nennen. Mit fünf Jahren wurde John in letzter Minute aus seinem brennenden Elternhaus gerettet. Dieses Ereignis prägte sein gesamtes Leben. Noch als Kind las er unter anderem die «Nachfolge Christi» des Mönchs Thomas von Kempen.

Zusammen mit seinem Bruder Charles und anderen Studenten traf er sich später im «Holy Club». Sie lasen dort stundenlang in der Bibel und überlegten, wie all dies in die Praxis umzusetzen sei. Sie engagierten sich für Kranke, Gefängnisinsassen und Arme und spendeten alles, was sie nicht selbst brauchten, systematisch – hier rührt der Name Methodisten her. Wesley ging nach seiner Ordination zum anglikanischen Priester für zwei Jahre als Missionar in die «Neue Welt», nach Amerika. Aber erst nach seiner Rückkehr hatte er die für ihn entscheidende Begegnung mit Gott. Am 24. Mai 1738 erlebte er seine persönliche Bekehrung.

Von diesem Moment an wurde er zu dem unermüdlichen Prediger, als der er in die Geschichte einging. Er ritt von Dorf zu Dorf und sprach zu den einfachen Leuten auf dem Lande. Die Predigtvorbereitung geschah oft im Sattel. Und Wesley predigte oft: vier- bis fünfmal täglich, insgesamt ca. 40'000-mal.

Überraschend zeitgemäss

Thema seiner Predigten war immer wieder die persönliche Hinwendung zu Jesus. Aber John Wesley hatte noch mehr im Blick. Gerade weil er sich unter armen und einfachen Menschen bewegte, hatte er auch deren Lebenswirklichkeit im Blick. So kümmerte er sich um viel mehr als um das «Seelenheil». Wesley kämpfte für Reformen im Gefängniswesen. Er engagierte sich zusammen mit William Wilberforce für die Abschaffung der Sklaverei. Er richtete Bibliotheken für das einfache Volk ein und sammelte Geld zum Aufbau eines Schulsystems. Er richtete Darlehenskassen zur Selbsthilfe ein. Ausserdem kümmerte er sich immer wieder um die Gesundheitsvorsorge.

Viele dieser Gedanken werden heute kaum noch mit John Wesley verbunden. Zu Unrecht, wie sein «Manifesto» zeigt. Natürlich kommt darin auch das Erzählen von Jesus Christus vor und das Gewinnen von Menschen für den Glauben. Doch die elf anderen Punkte unterstreichen deutlich, dass «Evangelium» (gute Nachricht) schon immer mehr bedeutet hat als eine verinnerlichte Begegnung mit Gott. So spricht Wesley in seinem Manifest von Gleichberechtigung, Armutsbekämpfung und Umweltbewusstsein. Damit erreicht der Methodistenprediger des vorvorvergangenen Jahrhunderts eine geradezu erschreckende Aktualität.

Frustrierend gültig

Wer sich Wesleys Liste in seinem «Manifesto» anschaut, begegnet Fragen, die uns heute bewegen. Natürlich wurde die zwölf Punkte sprachlich angepasst – 300 Jahre lassen sich sprachlich nicht ignorieren. Aber inhaltlich ist das, was Wesley vor so langer Zeit als To-do-Liste für sich selbst und die Christen insgesamt verfasste, noch erschreckend aktuell. Das reicht von der immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen Armen und Reichen über die immer noch nicht realisierte Gleichbehandlung von Mann und Frau bis hin zur Sklaverei und ihren modernen Formen (siehe hier zum Thema «Sexarbeit»).

Hat sich denn gar nichts getan in all den Jahren? Diese Frage drängt sich auf, wenn Wesleys Liste auch heute noch so aktuell aussieht. Doch, es hat sich einiges bewegt. Heute begründet (fast) niemand mehr sklavereiähnliche Zustände als «biblisch». Gleichzeitig sind die von ihm benannten Baustellen immer noch aktuell.

Finanziell herausfordernd

Sehr praktisch sind John Wesleys Regeln im Umgang mit Geld. Er formulierte sie für sich selbst, aber sie unterstreichen eindrücklich, wie sein «Manifesto» gemeint war: nämlich ernst. Nicht nur Wesley war klar, dass man jede Menge fromme Gedanken äussern kann, solange sie nichts mit dem eigenen Portmonee zu tun haben. So setzte er – methodistisch wie er war – diese Regeln fest:

1. Erwirb so viel du kannst.
2. Spare so viel wie möglich.
3. Gib alles, was du hast.

Wenn die Christen dieser Welt – laut Wikipedia mit rund 2,26 Milliarden Menschen die grösste Religion weltweit – einen erheblichen Anteil ihrer Zeit, ihres Einflusses und ihres Geldes in die Umsetzung von John Wesleys «Manifesto» investieren würden, würde unsere Welt dann anders aussehen? Diese Frage begleitet Christen seit 300 und mehr Jahren.

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