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Miteinander

Die Freude, nicht allein zu sein

Der Mensch ist von Natur aus kein Einzelgänger. Doch neben Glück liegt in vielen Beziehungen auch Unglück. Kerstin Hack gibt Tipps, wie Beziehungen positiv gestaltet werden können.

Mann und Frau lachen
Quelle: unsplash.com

Alles Leben ist Begegnung. Ich werde am Du. —Martin Buber

Ein Psychologe, der Kriegsflüchtlinge betreute, machte eine erstaunliche Entdeckung. Das Schlimmste für die Menschen war oft nicht das Leid, das sie durch die schrecklichen Umstände erfahren hatten. Vielmehr litten sie an gescheiterten Beziehungen – zu dem Mann oder der Frau, in die sie sich unglücklich im Flüchtlingslager verliebt hatten oder zu dem guten Freund, der sie später verriet. Die zwischenmenschlichen Enttäuschungen trafen sie tiefer als die erlebten katastrophalen Verluste von Heimat und Besitz.

Es ist ein offenes Geheimnis: Beziehungen sind die grösste Quelle von Glück oder Unglück im Leben. Will man glücklich leben, ist es deshalb sinnvoll, viel Zeit und Kraft in den Aufbau von Beziehungen zu investieren, da gelingende Beziehungen in der Regel weit mehr zu unserem Wohlbefinden beitragen als beruflicher Erfolg und materieller Besitz.

Unerfüllbare Erwartungen

Ein Weg zum Unglück hingegen ist, zu erwarten, dass andere uns glücklich machen. Das kann keiner. Unsere Emotionen entstehen in uns – in Reaktion auf Erlebtes. Keiner kann diese von aussen direkt beeinflussen und uns glücklich oder unglücklich «machen».

Wie wir auf Erfahrungen reagieren, was wir über uns selbst und das Leben denken, beeinflusst, wie wir das Handeln eines anderen erleben. Da lächelt jemand oder schenkt uns Blumen – ein Mensch findet das freundlich und freut sich, ein anderer findet es aufdringlich und ärgert sich. Unsere aktuelle Situation, unsere Prägung und unsere Bewertung beeinflussen, ob wir etwas als beglückend erleben oder nicht.

Von daher kann nie ein anderer Mensch uns allein durch sein Handeln glücklich oder unglücklich machen – wir leben stärker, wenn wir wissen, dass Menschen unser Empfinden beeinflussen, wir selbst aber am stärksten beeinflussen, wie wir uns fühlen. Es tut gut, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Auch für die eigenen Gefühle.

Wer die Erwartung loslassen kann, dass andere ihn oder sie glücklich machen müssen, kann viel leichter all das Gute empfangen, das andere uns schenken. Und gelassener damit umgehen, wenn gerade mal weniger Schönes kommt. 

Unglückliche Beziehungen verändern oder beenden

Nicht alle Beziehungen beleben. Manche Kontakte pflegt man nur aus Tradition. Man hält sie aufrecht, obwohl man keine Freude und Energie empfindet, wenn man sich mit dem anderen trifft. Es lohnt sich, die eigenen Beziehungen genauer zu betrachten:

  • Welche Beziehungen sind so belastend, dass Sie sie lieber beenden möchten?
  • Oder: Was müsste sich ändern, damit die Beziehung besser wird?

Wenn möglich, sprechen Sie die problematischen Punkte an und suchen Sie – am besten gemeinsam mit der betroffenen Person – nach Möglichkeiten, die Beziehung freier und belebender zu gestalten. Wenn Sie dafür keine Möglichkeiten sehen, beenden Sie den Kontakt. Das ist kein Verurteilen des Menschen. Nicht jeder passt zu jedem und nicht jeder tut jedem gut. Menschen, die mich anstrengen, sind für andere bereichernd und umgekehrt.

Und schliesslich können auch die Erwartungen anderer zur Last werden. Machen Sie sich diese unausgesprochenen Erwartungen bewusst. Wagen Sie es, sie auch anderen gegenüber anzusprechen: «Ich empfinde, du erwartest von mir, dass ich...» Machen Sie sich selbst klar und teilen Sie Ihrem Gesprächspartner mit, welche dieser Erwartungen Sie erfüllen möchten und welche nicht.

Das gleiche gilt für Verpflichtungen. Prüfen Sie:

  • Was tun Sie für und mit anderen, das Sie nicht (mehr) tun wollen?
  • Welche Ihrer Verpflichtungen für andere sind Ihnen zur Last geworden?

Entscheiden Sie sich, welche Sie weiterführen wollen und welche nicht.

Gemeinsame Zeit planen

Aber wir alle können dazu beitragen, dass in unseren Beziehungen möglichst viel Raum für glückliche Momente entsteht. Beziehungen sind zu wertvoll und bedeutend, um ihre Pflege dem Zufall zu überlassen. Wenn wir Zeiten für die uns wichtigen Menschen einplanen, schützt uns das davor, dass sie – und damit das gemeinsam erlebte Glück – zu kurz kommen. Es ist sinnvoll, gemeinsame Zeiten in den Terminkalender einzutragen und freizuhalten.

Mit meinen besten Freundinnen habe ich feste Termine für wöchentliche Treffen bzw. Telefonate. Klar kommt da auch mal etwas dazwischen, aber in der Regel sind diese Zeiten füreinander reserviert. Bevor wir diese Termine festgelegt hatten, hat es oft wochenlang nicht geklappt, dass wir uns sehen oder sprechen konnten. Die festen Termine schenken uns den Raum, unsere Freundschaft wachsen zu lassen.

Es gibt aber auch Menschen, die ich seltener sehe, weil sie weiter weg wohnen. Ich habe mir Anfang des Jahres eine Liste gemacht, welche Menschen ich lange nicht mehr gesehen habe und gern wieder treffen will. Bei Freunden in den Niederlanden, England und gar Australien ist langfristige Planung nötig, um Treffen zu ermöglichen. Ich arbeite daran und habe schon einige Wiedersehen sehr genossen. 

Gemeinsame Aktivitäten planen

Mit meiner aktuellen Praktikantin werde ich heute nach Feierabend eine Fotoausstellung besuchen. Beziehung lebt von Abwechslung. Es mag bequemer sein, sich in der Wohnung oder immer in dem gleichen Café zu verabreden. Doch schöner ist es, wenn man ab und zu gemeinsam Dinge erlebt, von denen man später sagen kann: «Weisst du noch... die Kajaktour, das Konzert, der Ausflug...?» Es kann hilfreich sein, Ideen für besondere Aktivitäten zu sammeln, um sie im Bedarfsfall griffbereit zu haben.

Auch Helfen macht glücklich: den, der die benötigte Hilfe empfängt, und den, der hilft. Wer hilft, erlebt: «Mein Leben ist reich, ich kann etwas geben.»

Praxistipps

Erinnern: Gehen Sie Ihre Adressen durch. Mit welchen Menschen, die Sie mögen, hatten Sie schon länger keinen Kontakt? Verabreden Sie sich mit ihnen. Unternehmen Sie am besten schon diese Woche etwas mit anderen. Das kann ein Ausflug sein, eine sportliche Aktivität oder ein Wohnungsputz. Oder...

Überlegen Sie: In welchen Beziehungen fühle ich mich unfrei und unglücklich? Was kann ich an meinem Verhalten ändern und was sollte ich beim anderen ansprechen?

Buchtipps

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein. Serie Piper, 2009.
Kerstin Hack: Schwierige Menschen. Impulse, besser miteinander auszukommen.

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