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«Christfluencer»

Li Marie: Für Gott auf YouTube

Sie ist fromm, sieht gut aus und erzählt vor der Kamera so ungeniert von ihrem Glauben wie andere vom Urlaub. Ihre Videos werden tausendfach geklickt und selbst grosse Nachrichtenmedien sind schon auf sie aufmerksam geworden. Li Marie ist für Gott in den Sozialen Medien unterwegs.

Li Marie
Quelle: Instagram / Li Marie
Li Marie
Quelle: Screenshot Youtube

Lisa ist wie das nette Mädchen von nebenan, mit der man sich auf Anhieb gut versteht: Unkompliziert, fröhlich, herzlich. Und irgendwie auch ein bisschen unscheinbar. Viel unscheinbarer zumindest als in ihren YouTube-Videos, wo sie als Li Marie über ihren Glauben und ihr Leben erzählt und wo ihr mehr als 11'000 Menschen folgen. Da kommt sie extrovertierter rüber. Ihren Nachnamen möchte sie nicht öffentlich machen, um ihre Privatsphäre zu schützen. Die 24-Jährige trägt bei unserem Treffen ein schlichtes weisses T-Shirt, hellblaue Röhrenjeans, kaum Make-Up, und das lange blonde Haar ist zu einem lockeren Zopf gebunden. Das einzige, was das zurückhaltende Mädchen auffällig macht, ist ihre Grösse. Sie überragt andere um Haupteslänge.

Wir treffen uns im kühlen Jugendkeller ihres Gemeindehauses in Frankfurt, der Freien Christengemeinde, die zum Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) gehört. Schnell entsteht eine vertrauensvolle Atmosphäre. Dabei geht es auch um strittige Themen. Denn Lisa vertritt als Li Marie auf YouTube durchaus konservative und streitbare Meinungen, zum Beispiel zum «Sex vor der Ehe», zur Rolle der Frau und zu Beziehungen allgemein. Im Influencer-Business der Sozialen Medien ist das eine Ausnahmeerscheinung. Ihr Video «Kein Sex vor der Ehe 1» haben über 300'000 Menschen geschaut. In den weiteren drei Folgen zum Thema spricht sie mit ihrem jetzigen Ehemann Lukas und damaligen Verlobten darüber, wie das Paar es geschafft hat, mit dem Sex zu warten, wie weit man ihrer Meinung nach beim vorehelichen Liebesspiel gehen darf oder was man tun kann, wenn es trotz gegenteiliger Planung dennoch passiert.

Christlicher Lebensstil

Für jemanden, der mit dem Glauben eher wenig zu tun hat oder zumindest die konservativen Ansichten des Paares nicht teilt, wirkt das sehr gewöhnungsbedürftig. Christlicher Lebensstil als Wust aus Verbotsschildern? Und: Muss die öffentliche Zurschaustellung des Intimlebens sein? Focus Online, dem Jugendradio Puls des Bayerischen Rundfunks und dem Online-Magazin Vice waren das sogar Berichte wert, in denen YouTuberinnen wie Li Marie der Stempel «Christfluencer» aufgedrückt wurde, was nicht positiv gemeint war. Focus Online zog einen «Sektenforscher» heran, der vor solchen YouTube-Auftritten warnte. In den Kommentaren unter Li Maries Videos geht es bei dem Sex-Thema hoch her. Viele Nutzer reagierten mit Unverständnis, wie man sich «so etwas antun» könne.

Lisa begegnet der Kritik mit einem Lächeln. Die angeblichen Sektenforscher, die herangezogen wurden, seien keine echten und auch nicht wirklich ernst zu nehmen, erklärt sie ihre Meinung. Und selbst wenn: Es stört sie nicht. «Ich glaube, wenn man nicht in dem bekannten Raster bleibt, sich in der katholischen Kirche hinsetzt und betet, dann ist man in den Augen Vieler irgendwie komisch», sagt sie. Gott sage ja bereits in der Bibel, dass Christen für ihre Überzeugungen angegriffen und die Wahrheiten verdreht würden. «Anscheinend machen wir es ja dann richtig. Wenn wir nur von der Welt geliebt werden, wäre das auch komisch», findet Lisa.

Sie begründet sehr vieles mit der Bibel. Die habe sie in den vergangenen Jahren «in einer krassen Lebenskrise» neu lieben gelernt. Was genau passiert ist, will sie nicht sagen. Aber: Die Frage, «wie Gott so etwas zulassen kann, hat mich aus meiner christlichen Blase gezogen». Sie habe dann «von aussen auf das ganze Christen-Bild geguckt und gedacht: «Es kann doch nicht sein, dass die Christen sich alles schönreden, wie es gerade passt.» Christlich aufgewachsen, habe sie sich nie gross Gedanken über Sätze wie «Jesus liebt dich» und «Jesus ist für dich gestorben» gemacht. Lisa kehrte sich vom Glauben ab und hinterfragte alles. Sie merkte dabei: «Mit Gott geht es mir besser als ohne ihn.» Sie habe ohne den Glauben eine «furchtbare Leere» in sich gefühlt. «Ich hab gemerkt, ich brauch die Freiheit von Jesus. Da kam das Evangelium zum ersten Mal so richtig in mein Leben.»

Wie durch ein Wunder geheilt

Lisa ist gerade mit dem Bachelor in Theologie an der THS-Akademie fertig, einer evangelikalen Ausbildungsstätte überkonfessioneller Prägung, die unter anderem mit dem Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) kooperiert. Das Studium sei dual, erklärt sie. Drei Tage in der Woche findet der Unterricht an dem

Theologischen Seminar in Bingen statt, dann folgen drei Tage praktische Ausbildung, die man in speziellen Projekten oder Ausbildungsgemeinden absolvieren kann. Lisa entschied sich für ein Gemeindegründungsprojekt und kam so in Berührung mit YouTube. Aus dem Projekt entstand givici, die «Global Video Church». Es ist eine Art Internetkirche, an die lokale Hausgemeinden angegliedert sind. Die funktionieren wie Hauskreise, sagt Lisa. Mit dem Unterschied, dass darüber hinaus kein weiterer Gottesdienst und keine weitere Gemeinde besucht werden.

Givici mit seinen Hauskirchen versteht sich als eigenständige Gemeindebewegung. Auf dem givici-Portal gibt es Videopredigten über Themen wie Beziehungen, Vergebung, Sünde oder Predigten über konkrete Bibeltexte. Die Themen können dann in den Hausgemeinden diskutiert werden. Jeder kann Gründer neuer Hauskirchen werden, die sich an givici angliedern. Lisa fing als eine der Videopredigerinnen an. Jetzt leite sie den Videobereich und es gebe mehr Sprecher, deshalb muss sie selbst nicht mehr so oft ran. «Ich habe aber selbst so viel Input in meinem Kopf, den ich loswerden will», sagt sie. So sei ihr eigener YouTube-Kanal mehr und mehr gewachsen. Filmen und Videos schneiden sei schon immer ein Hobby von ihr gewesen.

Dabei war es für die gebürtige Allgäuerin nicht immer selbstverständlich, als Frau vor der Kamera zu stehen. In ihrer Heimatgemeinde habe sie gelernt, dass «eine Frau Gott eher in der Küche und der Kindererziehung dienen kann». Sie habe sich aber schon damals gefragt, warum es «trotzdem so viele Frauen gibt, die ganz viel bewirken». Vor mehreren Jahren wurde Lisa sehr krank. Die Diagnose: Chronic Fatigue-Syndrom, kurz CFS – eine unheilbare Immunkrankheit, die zu chronischer, lähmender Erschöpfung führt. Bei vielen Betroffenen reichen kleinste Anstrengungen wie Treppensteigen aus, um völlig fertig zu ein.

Lisa habe damals viel im Bett gelegen und ihre Ausbildung zur Ergotherapeutin, die sie zu der Zeit in München machte, abbrechen müssen. Sie habe in dieser Zeit viel gebetet und Gott gefragt, was sie mit ihrem Leben machen solle. «Er hat aber die ganze Zeit nur gefragt: Was willst du denn tun?» Sie habe diese Frage nicht gemocht, «weil ich doch machen wollte, was Gott will». Als sie intensiver darüber nachgedacht habe, sei ihr jedoch der Gedanke gekommen, Theologie zu studieren. Das nahm Lisa als Antwort von Gott. «Gerade weil du eine Frau bist, will ich dich gebrauchen», habe Gott zu ihr gesagt. Lisa interpretiert es als Antworten von Gott, wenn sie Gedanken oder Gefühle gar nicht mehr loslassen. Mit Gott habe sie dann einen «Deal» gemacht: «Wenn ich das Studium an der THS mache, soll er mich dafür gesund machen.» Das klingt für den einen oder anderen merkwürdig und weltfremd. Fakt ist jedoch, dass Lisa heute keine körperlichen Einschränkungen mehr hat.

YouTube als Chance für Christen

Regelmässig sonntags zu predigen oder eine Gemeinde zu leiten, kann sie sich nicht vorstellen. «In mir als Frau ist kein grosses Verlangen danach, im Mittelpunkt zu stehen», sagt sie. Lisa will durch ihr Leben andere Menschen inspirieren, nach Gott zu suchen, und betreibt deshalb ihren YouTube-Kanal. Dass ihre Einstellungen zur Rolle der Frau polarisieren und vielen Christen, die etwas feministischer eingestellt sind als sie, wahrscheinlich sauer aufstossen, ist ihr egal.

Die 24-Jährige sehe in der Jugendarbeit ihrer Gemeinde, dass junge Menschen sich oft über YouTube-Stars definierten. Das sei erstmal erschreckend. «Aber für Christen ist das eine gute Chance.» In vielen E-Mails schrieben ihr junge Zuschauer, ihr Ehemann Lukas – übrigens Jugendleiter in ihrer Gemeinde – und sie seien Vorbilder, zum Beispiel beim Thema Beziehungen. Li Marie folgen aber auch viele Nutzer, die mit dem christlichen Glauben wenig zu tun haben. «Mich wundert das oft», sagt sie. Die stellten auch öfter mal Fragen und würden auch gegenteilige Meinungen vertreten. Das findet sie okay. Nur «richtig böse Kommentare» löscht sie.

An negative und persönlich verletzende Kommentare musste sie sich erst gewöhnen. Manchmal sei das «echt heftig». Anfangs habe sie auch an sich selbst gezweifelt. Doch sie habe dazu gelernt. Lisa erklärt das ganz reflektiert. Sie scheint ihren «Hatern» mit einer tiefen, inneren Ruhe zu begegnen. Ihre Videos macht sie jetzt anders als noch vor zwei Jahren. «Ich wiederhole Dinge beim Aufnehmen, wenn ich merke, ich habe was gesagt, was falsch interpretiert werden könnte.» Man könne aber nicht jedem gefallen. Auch wenn die Zuschauer Dinge erstmal «doof» finden würden, hält sie es für wichtig, dass auch die Gegner mal gehört hätten: «Es gibt Menschen, die warten mit dem Sex bis zur Ehe. Und es gibt Leute, die jeden Tag in der Bibel lesen und das spannend finden.» Positive Zuschriften erhält Lisa vor allem per E-Mail. Da komme «fast zu 100 Prozent» nur Ermutigendes. Und manchmal schreibt ihr jemand, dass er durch ihre Videos zurück zum Glauben gefunden habe. «Das ist dann der Oberhammer und ich sehe: Es lohnt sich, weiterzumachen.»

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