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Freikirchen-Präsident

«Wir empfehlen zum Singen eine Maske»

Die Schutzmassnahmen wegen Corona müssen aufrechterhalten werden. Doch Solidarität und Geduld sinken. In Freikirchen wird die Frage nach der Verhältnismässigkeit immer lauter. Wie stellt sich Freikirchen-Präsident Peter Schneeberger dazu?

Peter Schneeberger
Quelle: Youtube Screenshot

idea: Peter Schneeberger, pardon, aber wir müssen nochmals über Corona reden …, wie geht es den Schweizer Freikirchen im Korsett der Corona-Massnahmen?
Peter Schneeberger:
Die Anwendung des Corona-Schutzkonzeptes für Freikirchen fordert unsere Kirchen und Gemeinden sehr heraus. Es ist ein schmaler Grat, den Gemeindemitgliedern eine grösstmögliche Sicherheit zu geben und gleichzeitig ein begeistertes und fröhliches Gemeindeleben zu pflegen.

Das Organisieren von Gottesdiensten und anderen Anlässen unter strengen Auflagen fordert Pastoren und Leitende über das Gewohnte hinaus. Wie lange kann das noch gut gehen? Die anhaltenden Einschränkungen ermüden …
Nach gegenwärtigem Stand möchte der Bundesrat das Covid-19-Gesetz bis Ende 2021 in Kraft lassen. Im Parlament laufen die Verhandlungen dazu. Andreas M. Walker hat eine wichtige Frage dazu gestellt, ich zitiere: «Wir leben in einer '0-ProzentRisiko-Gesellschaft', niemand will schuld sein. Müssen wir eine neue Kultur entwickeln, um mit den Folge- und Kollateralschäden aufgrund dieser Haltung bezüglich unserer Zukunftsfähigkeit umgehen zu können?»

Auf welche Zukunft gehen wir zu?
Tatsächlich treibt mich die Frage nach unserer Zukunftsfähigkeit als Land und als Kirchen um. Was ist, wenn wir gerade unsere Zukunft aufs Spiel setzen? Und mich bewegt der Energiehaushalt unserer Angestellten. Sie haben es mit Herausforderungen zu tun, die viel Kraft kosten – denken Sie an die Digitalisierung, die fehlenden Mitarbeitenden usw. Wir stehen in einer grossen Herausforderung. Umso mehr wünsche ich mir, dass wir weiterhin einen wertschätzenden Umgang miteinander pflegen.

In einigen Kantonen herrscht die Maskenpflicht in Läden. Dass man dies tut, aber im Gottesdienst ungeschützt singt, ist doch ein Widerspruch …, was raten Sie als Verbandspräsident?
Singen ist für das psychische Wohlbefinden und das Gemeindeleben enorm wichtig. Lüften, hohe Räume und auch das Tragen von Masken beim Singen sind ein guter Schutz. Wir empfehlen darum das Tragen von Masken beim Gemeindegesang.

«Grosser Gott, wir loben dich!» mit Maske, geht das?
Das geht sehr gut. Da rede ich aus Erfahrung.

Die Kontroversen über den Sinn der Schutzmassnahmen werden zunehmend auch in den Reihen der Gemeinden und in ihren Leitungsgremien geführt. Es geht um Abstände, Teilnehmerlisten und Maskentragen. Während die einen sich genau an die Regeln halten wollen, plädieren andere für mehr Freiheit. Wird Corona zur Zerreissprobe?
Wir haben eine zweifache Krise: eine Gesundheits- und eine Vertrauenskrise. Für mich muss eine Strategie nachvollziehbar sein. Beim Bundesrat kann ich nicht immer eine nachvollziehbare Strategie erkennen. Deshalb bin ich für den offenen Meinungsaustausch. Diesen pflege ich auch als Freikirchenpräsident. Nur durchs Gespräch finden wir die besten Wege, um unser Leben gut zu gestalten. Wir brauchen eine gute Diskussionskultur. Hingegen bin ich nicht bereit, mich auf unnütze Diskussionen einzulassen, deren Informationsquellen trübe sind. Meinungen und Theorien zur Corona-Krise, die es nicht schaffen, in der NZZ abgebildet zu werden, diskutiere ich nicht!

Besteht ein Risiko, dass sich Gemeinden in der kommenden Zeit auflösen – wird das Virus zum Spaltpilz?
Die Corona-Krise hat in den Gemeinden – wie in allen anderen Lebensfeldern auch – zu einem Ressourcenproblem geführt. Freikirchen, die vor der Krise gut unterwegs waren, sind es auch heute. Bei Gemeinden mit schwierigen Umständen haben sich die Probleme aber vervielfacht. Ich leide mit den Gemeinden in Schwierigkeiten. Gleichzeitig versuche ich, Leitern von Freikirchen Sicherheit und Zuversicht zu vermitteln, indem ich nachvollziehbare Hilfestellungen gebe. Wir haben in der FEG Schweiz vor Jahren schon Unterlagen für Gemeinden erarbeitet als Hilfe gegen Spaltungen.

Was unternimmt der Freikirchenverband, um seine Mitglieder zu unterstützen?
Wir haben ein sehr gutes Schutzkonzept verfasst. Auf den 1. Oktober wird eine überarbeitete Version erscheinen. Unter den Leiterinnen und Leitern der Freikirchenverbände herrscht ein sehr reger Meinungs- und Erfahrungsaustausch. Ich habe regelmässig Mails an alle Freikirchenleitenden mit den wichtigsten Informationen verschickt. Unsere Kommunikationsabteilung kümmert sich um die Kommunikation gegen aussen. Am 27. Oktober plant die Schweizerische Evangelische Allianz zusammen mit dem Freikirchenverband einen Thinktank zu Kirche und Corona. Wichtige Zukunftsdenker wie Andreas M. Walker werden dabei sein.

Wer kontrolliert, ob das Schutzkonzept in den Kirchen umgesetzt wird?
Es gilt eigenverantwortliches Handeln. Das kennen wir in der Schweiz. Bei kirchlichen Veranstaltungen sind die zuständigen Kirchenleitungen für die Umsetzung des Schutzkonzeptes vor Ort zuständig. Sie müssen zum Beispiel im Kanton Waadt seit dem 17. September die Maskenpflicht für den gesamten Gottesdienst durchsetzen.

Die Pandemieanordnungen greifen tief hinein in die Versammlungsfreiheit. Die Kirchen scheinen sich den staatlichen Weisungen von Bundesrat und BAG diskussionslos unterzuordnen. Stimmt diese Beobachtung oder gibt es auf Verbandsebene auch kritische Diskussionen und mit den Behörden eine bewusste Suche nach individuellen Lösungen für Kirchen?
Wir haben die Verhältnismässigkeit der Massnahmen häufig mit einer zuständigen Person aus der Direktion des BAG diskutiert. Immer wieder habe ich mich gefragt: Diskutieren wir die richtigen Fragen? Was ist, wenn die Gesellschaft der individuellen Gesundheit einen zu hohen Wert beimisst im Gegensatz zu einem guten Zukunftsleben für alle? Ich habe stets auch den Kontakt und den Austausch mit Ethikern, Zukunftsforschern und theologischen Wissenschaftlern gesucht. Es gibt wichtige Grundlagenarbeiten, zum Beispiel «Entgrenzende Gottesdienste» von Professor Stefan Schweyer.

Früher regelmässige Gottesdienstbesucher gewöhnen sich langsam ans Ausschlafen am Sonntag und schauen sich – wenn überhaupt – die Liveübertragungen an. Beunruhigt Sie das?
Wir haben es heute bezüglich Verbindlichkeit mit vielen unterschiedlichen Gruppen in Kirchen und Gemeinden zu tun. Dabei fallen vor allem zwei Generationen auf, die es an Verbindlichkeit missen lassen: die Jugendlichen und die Boomers …

Wie bitte – die Boomers?
Entschuldigen Sie diesen Ausdruck für meine Generation! Ja, ich gehöre zu den Boomers; so nennen mich spasshalber meine Kinder. Das nimmt Bezug auf die Generation der Babyboomer. Was die Jugendlichen anbelangt: Ich möchte die Kirchen zum Gebet für sie aufrufen! Bitte betet für ein neues Erwachen unter den Jugendlichen. Und die Boomers möchte ich aufrufen, sich in der Gemeinde als Väter und Mütter im Dienst für die nachkommenden Generation zu sehen. Man lese dazu 1. Thessalonicher Kapitel 2, Verse 7 bis 8 und Verse 11 bis 12. Sie sollen sich nicht als eine Generation betrachten, die schon alles gesehen und gehört hat und deshalb meint, den Gemeindebesuch nicht mehr zu benötigen.

Bereitet Ihnen die Zukunft Sorgen?
Nein. Ich habe einen starken Heiland, darum bin ich um die Zukunft nicht besorgt.

Was raten Sie den Gemeindeleitungen für die kommenden Wochen?
Gott hat uns einen grossen Auftrag anvertraut. Den sollen wir betonen und leben! Ich war in den vergangenen Wochen viel im Austausch mit Leitern aus dem globalen Süden. Bitte holt diese Stimmen in eure Gemeinden. Wir haben vergessen, dass wir in der Schweiz wie auf einer Insel leben. So wie ich es einschätze, haben wir im weltweiten Vergleich sehr lockere Corona-Regeln. Es ist uns nicht bewusst, dass die christliche Welt ausserhalb Europas hungert! Und sie wird in eine Zukunft geführt, die ich mir gar nicht ausmalen will. Ich habe gestandene Leiter aus Indien die Tränen verdrücken sehen, weil sie für ihre Jugendlichen keine Perspektive mehr sehen. Ich rufe die christliche Gemeinschaft hierzulande auf: Betet und spendet grosszügig für die Arbeit der Werke im globalen Süden!

Was ist der Auftrag der christlichen Gemeinde in unsicheren Zeiten und sozialer Distanz?
Einer meiner Vorbilder hat es einmal so gesagt: Dient in Freiheit und erzählt eurer Umgebung von der guten und hoffnungsvollen Botschaft: Jesus lebt!

Hier kommen Sie zum aktualisierten Schutzkonzept für Frei- und Landeskirchen.

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