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Sargbauer und Bestatter

Urs Gerber: Täglich den Tod vor Augen

Er ist dem Tod näher als andere. Der Bestatter Urs Gerber aus Lindau baut in seiner Firma Särge – rund 70 pro Tag.

Urs Gerber
Quelle: idea Schweiz

Wie lebt es sich, wenn einem ständig der Tod vor Augen steht?
Urs Gerber:
(schmunzelt) Im Moment habe ich ja eine Journalistin vor Augen... Der Tod wurde schon an unserem Familientisch thematisiert. Ich bin sozusagen mit seiner Präsenz aufgewachsen. Als Christ habe ich das Sterben für mich geklärt. Und – als Bestatter muss ich mich vom Thema abgrenzen: Da ist ein Toter, dahinter eine Geschichte, ein Mord, Streitigkeiten. Darüber darf ich mir keine Fragen erlauben. Ich komme, mache meine Arbeit, mein Handwerk – möglichst gut und professionell.

«Unsere Gesellschaft hat den Tod aus dem Leben ausgegrenzt», sagte Ruedi Noser angesichts der Corona-Pandemie...
Ja, das ist so! Es beginnt damit, dass man die alten Leute nicht mehr sieht. Sie sitzen nicht mehr an unseren Tischen oder auf dem Bänkli vor dem Haus. Sie leben abgesondert in Altersheimen. Wir verdrängen das Sterben bis zum Schluss! Als mein Vater 1960 mit dem Sargbau begann, starben die meisten Menschen noch zu Hause, wurden dort aufgebahrt und dann erdbestattet. Die Beerdigung war ein «Dorf-Event».

Welche Veränderungen nehmen Sie sonst noch wahr?
Immer mehr Abdankungen finden im engsten Familienkreis statt, anonym. Ich finde das nicht gut. Man lebt ja «öffentlich», ist Teil einer Schulklasse, eines Dorfes, eines Vereins. Diese Anonymität am Schluss nimmt Freunden und Wegbegleitern die Möglichkeit, sich zu verabschieden. Die Feiern werden zudem individueller und bewegen sich immer weiter weg vom christlichen Hintergrund. Oft werden sie von «freien» Rednern gestaltet, nicht mehr von Pfarrpersonen.

Immer mehr Menschen lassen sich kremieren. Worauf führen Sie diese Tendenz zurück? 
Ja, heute werden 90 Prozent der Leichen kremiert. Einige wehren sich gegen die Vorstellung, von Würmern gefressen zu werden. Aber bei vielen stehen vermutlich keine tieferen Gedanken dahinter. Früher mag öfter die Hoffnung auf Endgültigkeit im Vordergrund gestanden sein, heute ist es eher die Überlegung, mit der Grabpflege niemandem zur Last fallen zu wollen. Wer seine Asche verstreut haben möchte, sollte das unbedingt vorher mit den Angehörigen besprechen. Für manche Hinterbliebenen ist ein Ort wichtig, wo sie sich dem Verstorbenen nahe fühlen.

Gibt es eine Hochsaison beim Sterben respektive in der Sargproduktion?
Die Wintermonate sind moderat strenger, dazu Grippezeiten und Hitzeperioden oder auch starker Föhn. Suizide kommen um Weihnachten/Neujahr häufiger vor, früher beobachteten wir dasselbe bei langen nebligen Phasen.

Wie hat sich die Corona-Epidemie auf Ihre Firma und Ihren Job als Bestatter ausgewirkt?
Zuerst kam eine Corona-Panik auf. Am Tag nach dem Lockdown bestellten die Bestatter Särge in Reserve. In den ersten 30 Tagen verdoppelte sich unsere Produktion, wir stellten auf Schichtbetrieb um. Dann wurde es ruhig: Es gab kaum mehr Unfälle, Menschen erlitten keine Herzinfarkte mehr, Corona-Tote waren seltener als befürchtet.

In welcher Spanne bewegen sich die Preise für einen Sarg? 
500 bis 900 Franken – die einfachsten sind die gefragtesten. Wobei im Kanton Zürich der Gemeindesarg samt Bestattung gratis ist. Dann gibt es auch teurere Modelle, ein Eichensarg zum Beispiel kostet rund 3'500 Franken, aber spezielle Wünsche sind selten. Ich habe einmal erlebt, dass ein Mann einen Baum aus seinem Garten vorbeibrachte und mich gebeten hat, daraus Särge für ihn und seine Frau herzustellen.

Woher stammt das Holz, das Sie in der Produktion der Särge verwenden?
Das Tannenholz stammt aus Wäldern in Winterthur und Effretikon. Pappel-Sperrholz beziehen wir aus Italien, dort sind die Bedingungen optimal. Das Klima der Po-Ebene sorgt für schnelles Wachstum. Für uns als Firma spielt der Umweltgedanke eine grosse Rolle. Schon lange verwenden wir zum Beispiel für die Oberflächenbehandlung der Särge Lack auf Wasserbasis.

Stellen Sie auch individuelle Särge her?
Von den Modellen her nicht, aber manchmal wünschen Personen zum Beispiel eine farbige Oberfläche oder ein spezielles Sujet. Einmal wünschte sich ein hinterbliebener Ehemann Sonnenblumen auf dem Sarg seiner jung verstorbenen Frau. Wir gestalteten diesen mit Serviettentechnik. Eher kommt es vor, dass Angehörige selber zum Pinsel greifen oder im Sargdeckel gute Wünsche für den Verstorbenen niederschreiben.

Man hört, dass Tote verschiedene Stimmungen verbreiten – wie erleben Sie das?
Das kann ich so nicht bestätigen. Aber der Gesichtsausdruck wirkt durchaus verschieden: verkrampft, verbittert, entspannt. Ähnliche Züge wohl, wie der Verstorbene sie schon zu Lebzeiten «getragen» hat.

Welche Begegnung mit einem Toten ist Ihnen in spezieller Erinnerung geblieben?
Grundsätzlich versuche ich, diese Eindrücke nicht zu speichern. Aber eine tote Frau, die an der Glasknochenkrankheit litt, ist mir in Erinnerung geblieben. Es schien, als sei wirklich jeder Millimeter ihrer Knochen am Körper gebrochen. Das war aussergewöhnlich! Einmal traf ich einen Achtjährigen an, der sich erhängt hatte, das hat mir die Kehle zugeschnürt. Was für ein Leiden muss sich da abgespielt haben!?

Mussten Sie schon seelsorgerliche oder psychologische Hilfe zur Verarbeitung spezieller Todesfälle in Anspruch nehmen?
Nein. Wir sind immer zu zweit unterwegs und können uns so ganz unmittelbar über das eben Erlebte austauschen, manchmal tun wir das auch im Team. Gewisse Erlebnisse erzähle ich meiner Frau. Grundsätzlich können wir aber jederzeit den polizeipsychologischen Dienst in Anspruch nehmen. Einer unserer Mitarbeiter musste davon Gebrauch machen, als er bei einem Unfall mit Kindern die Verknüpfung zu den eigenen Kindern nicht mehr selber aufheben konnte.

Wie erholen Sie sich von Ihrer anspruchsvollen, psychisch belastenden Arbeit?
Im Zusammensein mit meiner Frau, unseren drei Töchtern, beim Töff- und Skifahren. Dann bin ich Teil der FEG Effretikon. Die Beziehungen in der Gemeinde und der Glaube an Gott geben mir einen guten Boden.

Sie sind bekennender Christ. Was für eine Bedeutung hat Ihr Glaube in Ihrem Beruf?
Der Glaube hilft mir, zum eigenen Tod ein entspanntes Verhältnis zu haben. Meine christliche Grundhaltung hilft mir aber auch, mit den Verstorbenen respektvoll umzugehen. Man kann bei unserem Job abstumpfen und hart werden. Zum anderen übernehme ich als Christ soziale Verantwortung für meine Mitarbeiter. Das widerspiegelt sich in der Art und Weise, wie ich mit ihnen umgehe.

Mit welcher Haltung sehen Sie dem eigenen Sterben, dem Tod in die Augen?
Ich würde am liebsten entrückt! (lacht) – Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber allenfalls vor dem Sterben. Der Sterbeprozess kann sich ja lange hinziehen...

Was machen Sie unseren Lesern in Bezug auf den Tod beliebt?
Bereinigen Sie ihr Verhältnis zu Gott. Besser noch: zu Gott und den Mitmenschen.

Dieser Artikel erschien zuerst in idea Spektrum.

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