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Erste «Porno-frei»-Konferenz

«Pornografie ist ein gesellschaftlicher Flächenbrand»

Am Samstag, 23. November 2019, fand in Aarau die erste «Porno-frei»-Konferenz statt. Mit über 300 Besuchern wurden die Erwartungen der Organisatoren übertroffen. Die Psychologin Tabea Freitag aus Hannover warnte auf der Fachtagung vor den Auswirkungen und Langzeitfolgen von Pornografie auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Dabei kritisierte sie auch die deutsche Politik.

Über 300 Personen nahmen an der «Porno-frei»-Konferenz teil.
Quelle: Livenet
Tabea Freitag
Tabea Freitag

Mit erschreckenden Zahlen hat die Psychologin Tabea Freitag in ihrem Vortrag die 300 Teilnehmer der «Porno-frei»-Konferenz auf die Gefahr von Pornografie hingewiesen. Dabei sei der Konsum von pornografischen Inhalten keineswegs nur ein Problem von Teenagern oder Erwachsenen, erklärte sie. Immer mehr habe sie auch mit Fällen zu tun, bei denen Betroffene acht, neun oder zehn Jahre alt seien. Mittlerweile würden mindestens 50 Prozent aller 11- bis 13-jährigen pornografische Filme schauen. Diese Entwicklung fördere sexuellen Missbrauch. Kinder bekämen ein gestörtes Bild von Sexualität und wollen das Gesehene nachspielen. Pornografie stelle daher für die Psychologin einen der grössten Risikofaktoren für Missbrauch dar.

Pornosucht wird verharmlost

Ein Problem sei, dass Pornosucht in der Gesellschaft nicht ernst genommen werde. Würde man diese Zahlen bei Alkohol antreffen, wäre der Aufschrei gross, so Freitag. Sofort würde man Massnahmen jeglicher Art ergreifen. Dies sei auch bei Pornografie notwendig.

Sexualität habe wie Feuer eine starke Brennkraft, zum Guten – inspirierend, wärmend, Licht und Energie liefernd - wie bei einem Kaminfeuer, oder zerstörerisch wie bei einem Flächenbrand, der sich gierig alles nimmt, was er bekommen kann. Entscheidend sei die Sinngebung. Pornografie sei ein gesellschaftlicher Flächenbrand, der grossen Schaden anrichte. Man lasse Kinder mit dem Feuer spielen. Daher muss der Sexualität ein Rahmen gegeben werden. In Prostitution und Pornografie werde aber jeder Rahmen überschritten.

«Staat bricht eigene Gesetze»

Entsetzt zeigt sich Freitag über die deutsche Politik, die dem Votum führender Sexualpädagogen folge. Diese vertreten seit Jahren gebetsmühlenartig, Pornos seien «harmlos» oder sogar «nützlich» und Minderjährige könnten «kompetent» damit umgehen. Schlussendlich breche der Staat gar seine eigenen Gesetze, erklärte die Psychologin. In Deutschland ist das Zugänglichmachen von Pornografie an unter 18-Jährige strafbar (Schweiz: bis 16 Jahre) und es ist eine Form von sexuellem Missbrauch, Kinder mit Pornografie zu konfrontieren. Solange der Staat dagegen nichts unternehme, erfülle er seine eigenen Gesetze nicht.

Weiter warf sie Vertretern der «Digitalisierung first»-Politik und der «Ethik einer pluralistischen Beliebigkeit» vor, den Schutz vor verstörenden, traumatisierenden Inhalten «den kleinen Schultern von Kindern» aufzuerlegen. Sie forderte die Gesellschaft auf, nicht mehr kollektiv wegzuschauen. Vielmehr müsse die Devise lauten: «Das Wohl der Kinder first, Digitalisierung second». Es gehöre nicht zur gesunden Entwicklung von Kindern, sich vorzeitig und allein mit Sexualität durch Pornografie auseinanderzusetzen.

Prävention an Schulen

In ihrer Arbeit mit der Fachstelle Mediensucht «return» in Hannover bieten Tabea Freitag und ihre Kollegen nicht nur Hilfe für Betroffene an, sondern führen mit ihrem Präventionsprogramm «Fit for Love?» auch Schulstunden und diverse Präventionsprojekte mit Jugendlichen durch. Dabei gehe es vor allem auch um die Vermittlung eines ganzheitlichen Verständnisses von Sexualität. «Viele Mädchen schauen beispielsweise Pornos, um herauszufinden, was von ihnen erwartet wird – unabhängig von ihren eigenen Wünschen. Die Erwartungen der Jungs werden im Umkehrschluss ebenfalls von vornehmlich harter und gewaltsamer Pornografie gefüttert.» Die Auswirkungen dieses Selbststudiums seien fatal, denn Sex sei viel mehr als nur ein körperlicher Trieb. Deswegen zerstöre sexueller Missbrauch das Gefühl für die eigene Würde, die Grenzen und die Sicherheit der Opfer.

Die Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler zeigen, dass diese total erleichtert und dankbar sind, wenn sie mit ihren ambivalenten Gefühlen bezüglich Pornografie nicht mehr allein gelassen werden. Leider würden Schulen der Porno-Prävention nur wenig Zeit einräumen. «Häufig bekommen wir nur 90 Minuten Zeit, um in einer Klasse den gesamten Bereich der Mediensuchtprävention zu unterrichten. Das ist viel zu wenig Zeit für diese Thematik!» Für die Zukunft wünscht sich Tabea Freitag, dass die Problematik der Pornografie mehr Platz in Schulen und Kirchen findet.

Zur Initiative «Porno-frei»:

Neben diversen Fachvorträgen bot die Tagung ebenfalls Raum für Seminare und Erfahrungsaustausch. Dies entspricht der Gesamtvision der Initiative Porno-frei.ch: Diese ist ein Kooperationsprojekt verschiedener Organisationen im deutschsprachigen Raum, die gemeinsam das Ziel verfolgt, Menschen in eine Beziehungssexualität zu führen, die befriedigend ist und die ein Paar «in guten wie in schlechten Zeiten» zueinander hinzieht. Sie richtet sich an Pornokonsumenten sowie deren Angehörige, Pastoren und Seelsorger.

Zur Webseite:
Porno-frei.ch

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