USA und die Todesstrafe

Kann eine Gesellschaft «biblisch fundiert» mit dem Tod bestrafen?

59 Prozent der Amerikaner befürworten nach einer aktuellen Umfrage die Todesstrafe, nur 35 Prozent lehnen sie ab. Damit bleiben die Vereinigten Staaten das einzige westliche Land, das nach wie vor die Todesstrafe vollstreckt. Pro und Contra dazu werden – amerikatypisch – auch biblisch begründet.
Todesstrafe weltweit: vollständig abgeschafft (blau), nur in Ausnahmefällen wie Kriegsrecht (grün), nicht mehr vollzogen (gelb), angewandt (rot).

Laut Amnesty International stehen die USA damit nach China (mehrere Tausend), Iran (314), Irak (129), Saudi-Arabien (79), mit 43 vollstreckten Todesurteilen im letzten Jahr weltweit an fünfter Stelle.

«Wer Menschenblut vergiesst …»

… dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden.» (1. Mose 9,6) Unter anderem mit diesem Vers aus dem Alten Testament begründen amerikanische Christen eine biblische Legitimation der Todesstrafe. So argumentierte kürzlich Albert Mohler, Präsident der Ausbildungsstätte der Southern Baptists, in einem über CNN veröffentlichten Aufsatz «Warum Christen die Todesstrafe unterstützen sollten». Er überträgt darin die alttestamentliche Rechtsauffassung unhinterfragt auf unsere heutige Gesellschaft. Seine Argumentation beendet er mit einem missionarischen Aufruf: «Gott bekräftigte Noah gegenüber die Todesstrafe für Mord, als er diesem die Würde des Menschen erklärte. Unsere Aufgabe ist es, dies unseren Nachbarn zu erklären.»

Wo ist Jesus?

Der christliche Autor und Aktivist Shane Claiborne reagiert in seinem Blog auf diese Argumentation. Er stellt die isolierte Betonung einzelner Verse des Alten Testaments infrage. Dieser Umgang mit der Bibel hat jahrhundertelang die Sklaverei als angeblich gottgewollt gerechtfertigt. Und Claiborne fragt sich, warum in der gesamten «christlichen» Argumentation Jesus kein einziges Mal vorkommt. Sollte die Bibel in ihrer Auslegung nicht von Christus her verstanden und erklärt werden?

Ein echtes biblisches Beispiel

Jesus wird einmal mit einer möglichen Hinrichtung konfrontiert. Dabei wird ihm eine in flagranti ertappte Ehebrecherin vorgeführt (Johannes 8,3-11). Jesus’ Reaktion sprengt alle damaligen und heutigen Erwartungen. Er stellt die Schuld der Frau nicht infrage, akzeptiert das Gesetz. Er fragt auch nicht nach dem Mann, der offensichtlich ebenfalls beteiligt war. Jesus gibt der Rechtsfrage vielmehr eine ganz neue Dimension, als er sagt: «Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.»

Das Prinzip Gnade

Diese Geschichte beantwortet genauso wenig alle Fragen wie die oben zitierte alttestamentliche Aufforderung an Noah. Ein Staat darf und muss Menschen zur Rechenschaft ziehen. Er muss Opfer schützen. Es ist seine Aufgabe, Recht durchzusetzen. Aber wie können wir als Christen, als Teil unseres demokratischen Systems, dazu beitragen, dass das von Jesus gelebte und geforderte Prinzip Gnade nicht von «Kopf-ab!»-Rufen übertönt wird? Die Bibel wäre so kurz, wenn man Gottes Gnade daraus weglassen würde. Und auch unsere Kirchen und Gemeinden wären leer, wenn Gottes Gerechtigkeit direkt mit dem Schwert durchgesetzt würde. Die Todesstrafe ist ein menschen- und gottesunwürdiger Anachronismus. Praktische Wege, wie Gerechtigkeit und Gnade im Strafvollzug umgesetzt werden können, sind nicht nur in den USA nötig. Hier sind wir als Christen in Europa genauso in der Pflicht.

Gandhi wurde einmal gefragt, ob er Christ wäre. Seine Antwort war: «Ich mag euren Christus. Aber ich mag eure Christen nicht. Sie sind ihm so unähnlich.»

Datum: 19.05.2014
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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