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Live-Bericht aus Bolivien

«Die Nerven liegen blank»

Seit gut zwei Wochen liegt Bolivien im Ausnahmezustand. Wie erlebt eine Missionarin, die seit über 20 Jahren im Land lebt, die Unruhen, und welche Rolle spielen Christen?

Strassensperre in Bolivien
Quelle: zVg
Bolivische Frau (Symbolbild)
Quelle: Pixabay
Evo Morales
Quelle: Facebook

D.L. arbeitet mit ihrem Mann seit 24 Jahren in Bolivien und lebt in der Millionenstadt Santa Cruz, dem wichtigsten Wirtschaftszentrum des Landes. Von Santa Cruz aus wird der landesweite gewaltlose Zivilstreik als Widerstand gegen die – höchstwahrscheinlich manipulierte – Wiederwahl von Präsident Evo Morales organisiert. «Die ersten beiden Wochen des Ausnahmezustands waren relativ ruhig und eher locker; Nachbarn sitzen an den Strassenecken, die Kinder spielen Fussball. Seitdem aber zwei junge Menschen in Montero bei gewaltsamen Zusammenstössen erschossen wurden, hat sich die Situation deutlich verschärft», erklärt D.L. in einer Audio-Botschaft. «Trotzdem ist die Stadt ruhig. Gestern hatten wir eine gewaltige Demonstration, wie sie die Stadt noch nicht gesehen hat.» Die Bevölkerung beschloss, den Zivilstreik friedlich fortzusetzen und auf die öffentlichen Institutionen auszudehnen. Mittlerweile wurden die Strassengrenzen zu den Nachbarländern geschlossen.

«In der einen Hand die Bibel, in der anderen das Rücktrittsschreiben»

Es ist vor allem das Bürgerkomitee aus Santa Cruz, das den Widerstand gegen die Wahl des Präsidenten organisiert. Kopf der zivilen Oppositionsbewegung ist der vierzigjährige Unternehmer Luis Fernando Camacho aus Santa Cruz. Er hatte Evo Morales ein Ultimatum zum Rücktritt gesetzt, auf das dieser natürlich nicht einging. Daraufhin flog Camacho in die Regierungsstadt La Paz, um dem Präsidenten persönlich ein Rücktrittsschreiben vorzulegen. Er fürchte weder um seine Freiheit noch um sein Leben. «Ich gehe mit den Waffen meines Glaubens und meiner Hoffnung, mit einer Bibel in der rechten und der Abdankungserklärung in meiner linken Hand», erklärte Camacho vor dem Fernsehen. In Santa Cruz wurde er dann von aufgebrachten Anhängern der Regierungspartei MAS am Verlassen des Flughafens gehindert. Camacho wurde in einem Sonderkommando der Polizei «evakuiert» und per Helikopter unversehrt nach Santa Cruz zurückgebracht. Nach neuesten Berichten will er in einem zweiten Anlauf wieder nach La Paz fliegen.

Geistlicher Kampf und Versorgung für alle

Nach Ansicht von D.L. geht es bei der Präsidentenwahl auch um einen geistlichen Kampf. Der Indigene Evo Morales, Anhänger des Mutter-Erde-Kults, ist bekannt dafür, dass er im Regierungspalast immer wieder mit Schamanen und Zaubern die «Mächte der Finsternis» anruft und Tieropfer veranstaltet. «Die Gemeinden gehen jeden Tag auf die Strasse, sie singen, beten und proklamieren die Herrschaft von Christus über dem Land» erklärt D.L.

«Mittlerweile wurden überall auf den Strassen grosse Kochstellen organisiert, wo Essen gekocht und miteinander geteilt wird» erklärt D.L. weiter: «So muss keiner Hunger haben, denn der Streik trifft natürlich die armen Leute, die keine Reserven haben, am meisten. Grosse Aktionen finden statt, um denen, die von der Hand in den Mund leben, zu helfen.» Nach ihrer Ansicht «ist Bolivien noch nie so eins gewesen wie durch diese Krise.» Die Millionenstadt sei trotz des Streiks «total friedlich, und jeder einzelne Schritt der Opposition wird sehr weise geplant.»

Präsident mit Sitzleder

Die Wahl vom 20. Oktober hat Bolivien zerrissen. Präsident Morales liess die Auszählung der Stimmen für 24 Stunden anhalten und setzte sich dann als Sieger im ersten Wahlgang durch. Die zahlreichen Indizien für eine Manipulation der Wahl haben das Misstrauen der Bevölkerung verstärkt. Viele vermuten, Morales versuche, sich um jeden Preis an der Macht zu halten. Bereits an einem Referendum im Jahr 2016 hatte die Mehrheit der Bevölkerung eine weitere Amtszeit für Morales ausgeschlossen. Doch der Volksbeschluss wurde anschliessend von den regierungsnahen Gerichten übergangen.

Nach der Einschätzung von D.L. ist «der Diktator Evo mittlerweile ohne Volk, das er regieren kann» - trotz der Anhänger, die er und seine Partei mobilisieren, um auch gewalttätig gegen die Opposition vorgehen. «Betet für das Land in dieser kritischen Stunde», bittet denn auch die Missionarin im Namen der Christen des Landes.

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