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Psychoterror oder Segen?

Wenn die Eltern in ein schwieriges Alter kommen

Mit 18 zog Claudia zu Hause aus, weil sie realisierte, dass in ihrer Familie etwas falsch lief. Inzwischen erkennt sie die Manipulationen ihrer Mutter von damals und sieht trotzdem Gottes Hand darin. Sie versuchte, der Vergangenheit und ihrer Familie zu entkommen – heute ist sie für sie da.

Claudia Dewald (Bild: zVg)
Quelle: zVg
Claudias Mutter
Quelle: zVg

«Nimm dich vor deiner Stiefschwester in Acht! Sie gehört zur anderen Seite!» Warnungen wie diese hörte Claudia als Teenager immer wieder von ihrer Mutter. Nur sie beide gehörten zur guten Seite – der Rest der Welt war böse. Insbesondere die restliche Familie. Jeder Mann war ein potenzieller Betrüger. Und immer waren andere Menschen schuld daran, wenn in ihrem Leben etwas nicht funktionierte. Lange dachte Claudia, das Problem läge bei ihr. Irgendwann lernte sie Christen kennen und begann ein Leben mit Gott. Heute sieht sie trotz allem Gottes Hand in ihrem Leben.

Endlich eine Diagnose

Schon früh sendete Claudia Hilferufe an ihre Lehrer und Jugendleiter. Aber wer glaubt schon einem Kind oder einem rebellischen Teenager? Mit Anfang 50 wurde ihre Mutter das erste Mal in die Psychiatrie eingeliefert. Die Diagnose Schizophrenie überraschte Claudia nicht sonderlich. 2009 starb ihr Stiefvater und die Mutter zog wieder in ihr Elternhaus zurück. Dort blühte sie anfangs richtig auf: Sie kaufte sich einen schicken Cabrio, ging täglich schwimmen und hatte viele Bekannte.

Vor zwei Jahren kamen ihre alten Ängste zurück. Zunächst drehten sie sich nur um ihre Tochter. Sie hatte Angst, dass Claudia nicht genug Geld, Kleidung oder Essen hatte und mit ihrem Leben nicht zurechtkäme. Oft besuchte sie sie unangemeldet, um «Ordnung ins Leben zu bringen»: Sie putzte die Fenster, grub den Garten um, wusch das Auto und nervte Claudia, bis sie sie schliesslich vor die Tür setzte. Die  Angstzustände der Mutter steigerten sich immer mehr. Claudia war ihr einziger Rettungsanker. Manchmal rief sie sie mehrmals in der Nacht an und weinte wie ein kleines Kind. Als sie schliesslich Selbstmordgedanken äusserte, brachten Claudia und ihr Mann sie in die Psychiatrie.

In Ängsten gefangen

Zunächst war dies einfacher, da die Mutter nun «sicher» war. Doch die Ängste nahmen weiter zu und Besuche und Anrufe wurden zur Tyrannei: «Den roten Pulli kann ich nicht anziehen, das ist viel zu gefährlich.» «Auf grüne Stühle setze ich mich prinzipiell nicht!», oder: «Die Hustenpastillen sind in einer roten Dose, die esse ich nicht.» Ihr etwas mitzubringen, war total sinnlos. Meist passte ihr die Farbe nicht, oder es machte ihr irgendetwas Angst. So war es auch mit einem christlichen Bildband, der eigentlich in schwierigen Zeiten Hoffnung vermitteln wollte. Nicht bei Claudias Mutter. «Nimm das wieder mit! Gott ist nicht bei mir! Die Sprüche machen mir Angst», sagte sie.

Bei einem ihrer Besuche brach ein Feuer im Krankenhaus aus. Rauch waberte durch die Flure. Claudia wollte gerade mit ihrer Mutter einen Ausflug machen und schob sie dann Richtung Treppe. Sie aber drückte hartnäckig den Knopf am Aufzug. «Ich gehe die Treppe nicht runter. Hast du nicht gesehen? Das Treppengeländer ist grün!» Am Ende setzte Claudia sich durch und sie konnten das Krankenhaus verlassen. Dort stand das Feuerwehrauto. Sie schaute es verwundert an. «Jetzt verstehe ich alles», sagte sie. «Die Feuerwehr ist nur gekommen, weil du mich heute mit deinem roten Auto besucht hast.» Diese Art von Logik brachte Claudias Kopf fast zum Explodieren.

Fast wieder gut

Nach sieben Monaten wurde die Mutter aus der Psychiatrie entlassen. Ihre Ängste waren zwar nicht vollkommen verschwunden, aber sie hatte wieder Freude an Unternehmungen und begann, Alltagsdinge selber zu verrichten. Sie kehrte in ihr Haus zurück. Von ihrem schicken Cabrio verlegte sie sich nun aufs Busfahren. Sie fuhr sogar allein in die Stadt, um Einkäufe zu erledigen und sich mit Bekannten im Café zu treffen.

Irgendwann konnte Claudia ihrem Mann sogar sagen: «Meine Mutter ist richtig süss!» Plötzlich interessierte sie sich für sie, hörte ihr zu und bedankte sich für all das, was sie für sie getan hatte. Das war eine völlig neue Erfahrung. Claudia erlebte sie als völlig neuen Menschen und war verwirrt: Wie war ihre Mutter nun wirklich? Welcher Mensch verbarg sich da? Sie gab ihr den christlichen Bildband wieder zurück. Diesmal bezweckte er, was im Sinne des Autors war: Er gab ihr Hoffnung und neues Vertrauen in Gott. Sie begann wieder, zu beten und in die Kirche zu gehen.

Hier könnte die Geschichte enden. Tut sie aber nicht, denn das wirkliche Leben ist leider kein Märchen. Es begann damit, dass die Mutter sich bei Claudia über den Pflegedienst beklagte. Sie hatte ihre Medikamente nicht eingenommen. Anfang des Jahres wollte sie wieder in die Klinik. Sie schaffte es gerade noch, bevor die Klinik aufgrund von Corona einen Aufnahmestopp verhängte.

Zurück im Alptraum

Der Alptraum begann erneut. Wieder dreht sich alles um sie. Sie jammerte und projizierte ihre eigenen Sorgen auf Claudia. Manche ihrer Gedanken waren wie Flüche: «Dir wird morgen etwas Schlimmes passieren, eine Mutter spürt sowas!» Es fiel Claudia nicht leicht, das abzuschütteln, weil diese Gedanken jeden Tag auf sie einprasselten. Tatsächlich ruft sie ihre Mutter seit der Coronakrise täglich an. Sie ist momentan die einzige Person in ihrem Leben. Seit Mitte März war sie erst in der Psychiatrie, dann in Kurzzeitpflege und schliesslich dauerhaft in einem Altenheim. Sie liegt nur noch im Bett. Claudia hofft darauf, dass sie wieder mehr am Leben teilnimmt. Dass sie vielleicht noch einmal sagen wird: «Meine Mutter ist süss!» Wer weiss das schon. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, versucht aber, ihr Wohlbefinden nicht vom Zustand ihrer Mutter abhängig zu machen.

Als sie sie einmal besucht, hört sie auf dem Weg ein Lied von Heinz Rudolf Kunze: «Das Licht, das in der Seele wohnt, das ist am rechten Ort, die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort.» Und Claudia glaubt immer noch daran, dass selbst in der grössten Dunkelheit noch ein kleines Fünkchen Licht ist, auch wenn man es gerade nicht sieht. Das gibt ihr Kraft durchzuhalten.

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